Von Aschersleben nach Deizisau
DEIZISAU:
Kabarett mit Simone Solga in der Zehntscheuer – Kleine Frau mit großem TemperamentAschersleben: Das "-leben" im Namen ist eine ziemliche Übertreibung. Zumindest, wenn man glaubt, was Kabarettistin Simone Solga über ihre Erfahrungen in dieser Kleinstadt in Sachsen-Anhalt berichtet – in "Perle mit Zündschnur", ihrem zweiten Soloprogramm.
Von Peter Dietrich
Ihre Maße sind 158 und 34: Wobei das erste die Körper-, das zweite die Schuhgröße ist. Jeder einzelne Zentimeter sprüht nur so von Energie und Temperament, wenn Simone Solga in wechselnden Rollen schlüpft und gekonnt private Erlebnisse mit politischen Seitenhieben verbindet. Manches kommt dabei so akkurat und schnell, dass der Zuschauer gedanklich kaum noch mitkommt.
Schauspielstudium an der Theaterschule Leipzig, Leipziger Pfeffermühle, Münchner Lach- und Schießgesellschaft: Simone Solga hat reichlich Bühnenerfahrung. Keiner im Publikum ist vor ihr sicher: Eine amerikanische Universität habe herausgefunden, dass Armeverschränker häufiger Selbstmord begingen. Sie wirft ein: "Aber bleiben Sie ruhig so sitzen!"
Eine Flamenconummer am Anfang – überraschend für ein Kabarettprogramm. "Alles Schwindel", gibt Simone Solga gleich danach offen zu, und wechselt lieber zur bodenständigen "Sauerländischen Quadrille", einen Tanz, den sie im Volkshochschulkurs gelernt habe. Später kehrt sie dann doch noch mal zum Flamenco zurück und zeigt, wie dieser Tanz entstand: Klatschend im Kampf gegen die lästigen Stechmücken.
Solga berichtet aus dem Privatleben. Oder tut nur so: Was ist echtes Geschehen, was nur Teil des Kabarattprogramms? Man weiß es nicht, es ist auch nicht wichtig. Da schlägt sie sich in Aschersleben vor Eröffnung ihres aserbaidschanischen Restaurants "La Perla" mit Machbarkeitsstudien für die Bank und hinterher mit den "Genossen" von der Berufsgenossenschaft herum. Da kämpft sie mit dem Finanzamt, Politikern und allen anderen denkbaren Hindernissen. Zum Glück gibt’s wenig gastronomische Konkurrenz, denn ansonsten schläft und mieft die Heimatstadt mehr als dass sie lebt. Da hilft nur noch die Entspannungsübung "Nasser Lappen" – einfach mit dem Rücken auf den Bistrotisch legen und abhängen lassen. Geht gut, sind ja sowieso meist keine Gäste im Lokal.
Als "kleine Frau im Scheckkartenformat" besingt sich Simone Solga in einem ihrer Lieder. Ihre mangelnde Größe macht sie durch Flexibilität wett. Anders als die Politiker, meint sie. Die bräuchten für einen Umzug nach Berlin ganze zehn Jahre, dagegen sei ja sogar der Fünfjahresplan "just in time" gewesen. Längst habe sie sich statt an "Der Sozialismus lebe hoch" an aktuelle Parolen wie "Nogger dir einen" gewöhnt. Längst ist die ehemalige "Aktivistin der sozialistischen Arbeit" (1988) Gewinnerin des Hessischen Kleinstkunstpreises und des Förderpreises "Sprungbrett 2003" des Handelsblattes. Sie wurde mit Preisen wie der "Erlanger Eieruhr" und dem "Marktoberdorfer Spätzle-Heber" ausgezeichnet – sie ist deshalb zuversichtlich, dass sie ihre Kücheneinrichtung noch zusammenspielen kann – "bei 7000 Kleinkunstpreisen in Deutschland".
Ganz nebenbei verrät Solga dem Publikum Überlebenstipps für den Alltag: Wer zuhause gleich ans Telefon gehe, sei selber schuld – oder solle jeder gleich merken, wie klein die eigene Wohnung ist? Natürlich fahre sie ihr Auto immer mit geschlossenem Fenster – dann dächten die anderen wenigstens, sie habe eine Klimaanlage. Nach zwei Zugaben endet ihr Programm – überraschend, vielfältig und in keine Schublade passend. Wie die Macherin eben.