Vor 30 Jahren: Die Gemeinde Altbach bleibt selbständig

ALTBACH: Die lang ersehnte "Liebesheirat" mit Zell fand schließlich doch nicht statt

Von Peter Dietrich

"Die Gemeinde Altbach bleibt selbständig": So lautete die Schlagzeile im Amtsblatt der Gemeinde Altbach vom 27. Juli 1973. Es hätte auch ganz anders kommen können, denn hinter diesem Satz verbirgt sich eine lange und manchmal etwas verworrene Geschichte.

Juli 1971: Mit 61 zu 52 Stimmen entscheidet sich der Kreistag für Esslingen als Sitz des neuen Landkreises Esslingen-Nürtingen. Die Kreisreform ist erledigt, nun steht die Gemeindereform vor der Tür. Ab 1975 sind konsequente Eingemeindungen zu erwarten. Dem will die Gemeinde Altbach zuvorkommen und eine leistungsfähige Gemeinde als echten Partner zu den Städten Esslingen und Plochingen bilden.

Im Dezember 1971 gibt es eine gemeinsame Sitzung der Gemeinderäte von Altbach, Deizisau und Zell. Doch Deizisau will lieber selbständig bleiben, die von Altbach und Zell gewünschte Dreierlösung scheitert. Bei öffentlichen Sondersitzungen im Februar 1972 fassen die Gemeinderäte von Zell und Altbach einstimmige Beschlüsse zur Fusion, zur "Bildung einer Einheitsgemeinde". Diese Entscheidung wird bei Bürgeranhörungen überwältigend bestätigt: Bei 1468 gültigen Altbacher Stimmzetteln gibt es nur 122 Neinstimmen.

"Zell-Altbach hätte ganz gut gepasst", meint der damalige Altbacher Bürgermeister, Walter Stetter, im Rückblick. Noch heute zeigten der Tennisclub Altbach-Zell oder der Albverein die verwandtschaftlichen Beziehungen. "Zell und Altbach sind von ihrer Standortgunst und von ihren Zukunftsmöglichkeiten her kein Hinterland und deshalb zu schade, Vorort zu werden", heißt es damals im Amtsblatt. Mit der Vorstellung einer künftigen Siedlungseinheit von 28.000 bis 30.000 Einwohnern ging man dabei allerdings ziemlich weit.

Das Innenministerium stimmt dem Vorhaben schließlich zu, die neue Gemeinde Zell-Altbach soll als Teil-Verwaltungsraum zu Esslingen ausgewiesen werden. Doch die geplante Fusion verzögert sich. "Beide Gemeinden sollten sich zum 1. Januar 1973 vereinigen", schreibt Stetter zum Jahreswechsel, doch "die Verlegung der Zielplanungsrunde für den Kreis Esslingen auf Anfang Dezember sowie die Landtagsentscheidung, die Antragsfrist der fusionswilligen Gemeinden um ein halbes Jahr zu verlängern" gäben Gelegenheit, weitere Einzelheiten nochmals genau zu prüfen und ohne Zeitdruck zu entscheiden.

Der Schock kommt dann Anfang 1973: Die Landesregierung legt die so genannte Zielplanungskarte für den mittleren Neckarraum vor. Zell soll nach Esslingen eingemeindet werden – gemeinsam mit Berkheim, Schanbach, Aichelberg und Aichschieß. Altbach soll sich mit Deizisau und Plochingen zusammenschließen. Ein Teil der Altbacher Gemeinderäte meint daher, eine Zuordnung und spätere Eingemeindung nach Plochingen sei das kleinere Übel. Bürgermeister Stetter findet, in Plochingen mit dann insgesamt 25.000 Einwohnern habe man mehr zu sagen als in Esslingen mit über 100.000, auch sei die Verwaltung hier überschaubarer und beweglicher.

Bei einer erneuten Bürgerbefragung sprechen sich 52,2 Prozent der Stimmberechtigten für eine Zuordnung zu Plochingen aus. Die Abstimmung im Gemeinderat ergibt dann neun Stimmen für die Zuordnung zum Raum Plochingen und vier Stimmen der SPD für den Zusammenschluss mit Zell. Im Anschluss erklärt Hans-Dieter Reeker (SPD) jedoch, dass man den nach langer Diskussion zu Stande gekommenen Beschluss akzeptiere.

Zum 1. Januar 1975 gründen Altbach, Deizisau und Plochingen schließlich ihren Gemeindeverwaltungsverband, dessen Zusammenarbeit für Stetter "sehr gut geklappt hat". Dieser kümmert sich seither um den gemeinsamen Flächennutzungsplan und um die technische Betreuung von Bauvorhaben. Ansonsten habe man, so Stetter, "die Selbständigkeit geschützt", die damals getroffene Entscheidung habe sich als richtig herausgestellt.

Nur eines weiß man bis heute nicht: Wie die neue Gemeinde mit dem Arbeitstitel Zell-Altbach letztlich geheißen hätte. Wie soll man auch ein Kind taufen, das nie geboren wird?