Maniok und Maracujas statt Maultaschen
ESSLINGEN:
Seit vier Jahren arbeitet Michael Hekler als Entwicklungshelfer bei den Indios in BrasilienVon Peter Dietrich
Als Michael Hekler wurde er 1959 in Esslingen geboren. Bei den Indios in Brasilien heißt er Grugutschu, das bedeutet "Wolf". Zu ihnen ging er vor vier Jahren - als Entwicklungshelfer des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED). Eine der Aufgaben des Obstbaumeisters: der Aufbau einer Fabrik zur Verarbeitung von tropischem Fruchtmark.
Rio ist weit weg: Von dort nach Carolina im Nordosten Brasiliens sind es 2000 Kilometer. Und während sich im Süden des Landes längst große Fabriken wie VW, Ford und General Motors angesiedelt haben, sind der Norden und das Landesinnere bitterarm. Auch die Indios leben dort "mehr schlecht als recht in Reservaten", wie Michaels Vater von einem einwöchigen Besuch bei seinem Sohn weiß. Wobei er nicht wie die Indios auf einer aus Palmblättern geflochtenen Matte auf dem Boden schlief, sondern auf einem Bett, das die Indios extra für ihre Gäste gebaut hatten. Die Einladung ins Dorf Aldeia Nova hatten Häuptling und Dorfbewohner ausgesprochen, die die Eltern des Entwicklungshelfers unbedingt kennen lernen wollten.
Maniok, eine Wurzel ähnlich unserer Kartoffel, ist das Hauptnahrungsmittel der Indios. Gegessen wird mit der Hand - alle auf dem Boden sitzend aus einer Schüssel. Wasser wird von einem kleinen Fluss in der Nähe geholt. "Es ist eine Gesellschaft tausend Jahre zurück", sagt Günter Hekler.
Wolle man ihre Lebensbedingungen verbessern, müsse man bei den Traditionen von Brasiliens Ureinwohnern ansetzen: Jäger und Sammler seien sie, keine Bauern. Ackerbau oder Viehzucht sind ihnen fremd, nicht dagegen das Sammeln tropischer Früchte: Von denen wachsen in der Savanne die verschiedensten Sorten. Mango, Maracuja und andere, die kaum ein Europäer kennt. Wer außer Heklers hat bei uns schon einmal Cupuacu-Marmelade gegessen?
In Brasilien ist das anders: "Frutasa" steht über den Regalen, in denen 20 Sorten tiefgekühltes Fruchtmark angeboten werden. Produziert wird es in der Kleinstadt Carolina, in der Fabrik, die Michael Hekler aufgebaut hat und deren Gesellschafter Indios und Kleinbauern sind. Dort lebt auch der Entwicklungshelfer - in einem kleinen Haus und mit sieben Zebu-Rindern, einem Pferd, Hund, Katze und anderen Tieren. Doch immer wieder ist er unterwegs zu den Indios in ihren Dörfern. Die haben inzwischen nicht nur Grugutschu in eine ihrer Familien aufgenommen, sondern bei einem Besuch auch Totosch: Dieser Name bedeutet "Kleiner Vogel" und gehört Michael Heklers Sohn Alvaro, der zurzeit in Spanien Elektronik studiert.
Zwischen seinem Entwicklungsdienst in Bolivien gleich nach der Ausbildung und seiner jetzigen Tätigkeit war auch Michael Hekler in Spanien. Seine dortigen Erfahrungen beim Aufbau eines Beerenobstbetriebs kommen ihm jetzt zugute - so kann er nun die brasilianischen Kleinbauern beim wirtschaftlichen Aufbau einer Baumschule beraten.
Michaels Heklers Engagement wird vom DED von Jahr zu Jahr verlängert - höchstens zwei Jahre wird er noch in Brasilien bleiben. Warum er diese Aufgabe übernommen hat? "Es gehört schon Idealismus dazu", sagt seine Mutter Ingeborg, "wegen des Geldes kann man das nicht machen." 1100 Euro netto bekommt der Entwicklungshelfer, die Unterkunft geht extra. Der Vater ergänzt: "Jetzt reicht es gerade gut, aber als der Euro schwach war, war das Konto öfter im Soll."