"Jetzt graben die schon die Toten aus!"
ALTBACH:
Beim Schulbau vor 50 Jahren fand man Gebeine – Vor acht Jahren in Schauvitrine ausgestelltVon Peter Dietrich
"Jetzt graben die schon die Toten aus": Keine Zitat beim Betrachten eine Gruselschockers, sondern der Ausruf einer entsetzten Altbacher Passantin. Beim Bau des "Mittelbaus" der Grund- und Hauptschule war man auf das Skelett einer Alemannenfrau gestoßen. Oder ist es doch ein Mann? Auch gut fünfzig Jahre später ist man sich nicht sicher.
Der Schulhelfer, Unterlehrer und spätere Rektor Heinrich Janessa kann sich noch lebhaft erinnern: Am Pfingstsamstag 1952 sei der Sohn des damaligen Hausmeisters Roland Leibold zu ihm gekommen: "Herr Janessa, wir haben ein paar Knochen gefunden." Langsam habe man dann den Dreck beiseite geräumt und in 50 Zentimeter Tiefe ein Skelett und Grabbeigaben ausgegraben. Etwa 1700 Jahre waren die Knochen alt, von Buchsandsteinen bedeckt. "Wir sind am Zusammenpuzzeln schier verzweifelt", beschreibt Janessa die Mühen um diesen und die benachbarten Skelettfunde, doch am Ende war die Wirbelsäule des 1,60 großen Menschen fast komplett. Als Grabbeigaben fanden sich ein Kurzschwert, ein kleines Messer und eine eiserne Gürtelschnalle. Das Schwert muss in einer Lederscheide gesteckt haben, die durch Bronzeknöpfe mit eingraviertem Flechtwerk und eingelegten Almandinsteinen verziert war.
Eben diese Beigaben geben Rätsel auf, lassen sie doch auf das Grab eines Mannes schließen. Bei einem Frauengrab würde Janessa eher Halsschmuck als Beigabe erwarten. Backen- und Beckenknochen weisen jedoch in eine andere Richtung. Erstere nur in scherzhaften Bemerkungen ("die sind so ausgeleiert, das muss eine Frau sein"), letztere durchaus ernsthaft: Professor Dr. Häußler, seit 1945 jahrzehntelang als Arzt in Altbach, schloss vom Beckenbau her auf das Skelett einer Frau. Endgültige Klarheit könnte nur eine wissenschaftliche Untersuchung bringen, die jedoch nie durchgeführt wurde.
Nach ihrer Bergung wanderten die Gebeine auch nicht ins Museum, sondern verschwanden für Jahrzehnte in einem Abstellraum. Bis der begeisterte Geschichtslehrer und heutige Schulleiter Günter Fehmer vor acht Jahren den Fund zur Basis des damals eingerichteten "Erweiterten Bildungsangebots" machte. "Sieben Schüler waren ein Jahr damit beschäftigt", erläutert Fehmer mit Blick auf die Ausstellungsvitrine im Neubau der Schule, in der die Alemannenfrau oder auch der Alemannenherr heute auf einem Sandbett ruht. Ein Schaukasten nebenan zeigt die gefundenen Grabbeigaben. Der Fund sei "fruchtbar für den Geschichtsunterricht" gewesen, meint Fehmer, und freut sich, dass die Schüler der Vitrine mit dem angemessenen Respekt begegnen. Auch wenn einzelne wie bei einem Brunnen Münzen hineinwürfen – durch das Griffloch in der Glasscheibe. Da half auch alles Zukleben mit Tesafilm nichts.
Janessa ist "dankbar, dass der Fund aufgegriffen wurde". Mit seiner Schule verbindet ihn eine lange und bewegte Geschichte. Bei seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft nach Altbach wurden dringen Lehrer gesucht: So fing Janessa anno 1945 als Schulhelfer an. "In einer Art Schnellbleiche wurde man damals in vier Wochen Lehrer", erinnert er sich, erst von 1949 bis 1951 folgten dann vier Semester am Pädagogischen Institut und die 1. Lehramtsprüfung. Vom Titel "Unterlehrer" führte ihn sein Weg bis zur Bewerbung um die neu eingerichtete Konrektorenstelle (1965) und seinem Amt als Schulleiter und Rektor, das er von 1966 bis 1989 innehatte.